Die Idee Im Herbst 1996 waren wir Onkels bei der Züritaxi Zentrale als Disponenten angestellt. 1993 war mit Taxi 2000 eine neue Konkurrenzzentrale gegründet worden, welche sich durch eine bessere Dienstleistung, ein überlegenes Dispositionssystem und eine grössere Wagenflotte bereits als Nummer 1 auf dem Platz Zürich etabliert hatte. Fast alle Züritaxis standen still. Dies hatte zur Folge, dass wir Onkels, deren Aufgabe meistens in der Nacht-Einsatzleitung der Bestellzentrale bestand, meist nur noch auf den Morgen wartend herumsassen. In einer dieser langweiligen Nächte entstand so in unseren Köpfen - zunächst rein spielerisch - die Idee eines "PartyTaxis", welches sich der schon damals boomenden Club Szene annehmen sollte. Je länger wir die Sache diskutierten, desto erfolgversprechender hörte sie sich an. Schon bald begannen wir damit, unsere Gedanken zu Papier zu bringen. Der Idee lagen folgende Ueberlegungen zu Grunde: Die Ausgangslage Als langjährige NightClubber wussten wir, dass sich in den vielen Clubs von Zürich vor allem an den Wochenenden mit Sicherheit Hunderte von potentiellen Taxifahrgästen befanden. Doch wenn die Clubs für ihre Gäste Taxis bestellten, so warteten diese meistens draussen und stiegen regelmässig beim erstbesten Taxi ein das sie sahen. Als Folge fand der zum Club bestellte Chauffeur in 4 von 5 Fällen "seinen" Fahrgast nicht (= "Fehlfahrt"), was immer wieder zu Frust und Ärger führte. Das Resultat war, dass kaum mehr ein Fahrer bereit war, solche Clubbestellungen auszuführen, was wiederum zu Unzufriedenheit bei den Clubs und ihren Gästen führte. Auf den Taxizentralen wurden Clubbestellungen gar nicht mehr als solche ins Dispositionssystem eingegeben (Fehlfahrtrisiko), sondern es wurden lediglich noch Infos an alle Fahrer duchgegeben : " beim Club Soundso kann man einladen". Keiner konnte so wissen, ob nun überhaupt Taxis auf das Info reagierten und zum genannten Club unterwegs waren. Die ClubScene und die Taxibranche, zwei Parteien, die eigentlich natürliche Partner hätten sein müssen, standen sich so schon fast in traditioneller Feindschaft gegenüber. Diskutiert wurde nicht mehr - höchstens gestritten.

Die Lösung
Es stellte sich also die Frage, ob und wie sich die ganze Situation entkrampfen und allenfalls organisieren liess. Wir überlegten uns folgendes : Wenn die Taxis schon vor den Clubs stehen würden, bevor die Kunden aus diesen raus kamen, dann würden sich Bestellungen bei der Zentrale erübrigen, also konnte es auch keine Fehlfahrten mehr geben. Wie aber sollten wir unseren Fahrern klar machen, dass sie sich vor die Clubs stellen sollten ? Die Clubgäste hatten bei den Taxifahrern einen schlechten Ruf (u.u.) und diese konnten als freie Unternehmer von der Zentrale keinesfalls gezwungen werden, sich irgendwo aufzustellen. Schnell war uns klar, dass wir erst auf die Fahrer zählen konnten, wenn diese einsahen, dass in der Partyszene wirklich jede Nacht hunderte von Fahrten zu holen waren. Dazu war es aber nötig, ihnen präzise Informationen auf folgende Fragen zu geben : Ab welcher Zeit lohnt es sich, vor den verschiedenen Clubs zu warten ? Wann schliessen die verschiedenen Clubs ? Welcher Club bringt den Taxis wieviele Fahrten ? usw.

Der Aufbau
Zur Beantwortung dieser Fragen mussten wir die ganze Partyszene durchleuchten und analysieren. Für die Fahrer mussten Informationskurse veranstaltet werden. Die regelmässige Besetzung der Standplätze vor den Clubs musste von der Zentrale aus organisiert werden. Mit konventionellen Bestellungen wäre so ein Projekt, wie oben ausgeführt ohnehin zum Scheitern verurteilt. Also musste eine neue Methode erfunden werden, welche es möglich machte, mit dem bestehenden (völlig veralteten) Dispositionssystem einen übersichtlichen Informationsfluss zu garantieren ohne aber die Funktionstüchtigkeit des Bestellwesens zu beeinträchtigen. Trotz all diesen Tatsachen waren wir von Anfang an überzeugt, dass sich unsere Idee realisieren liesse. Wir sprachen also mit unserem Projekt-Vorschlag beim Chef der Marketingabteilung vor und erhielten zu unserer eigenen Verblüffung grünes Licht für eine Vorsondierung. "RaveCab" war geboren ! Die Züritaxi AG war, nachdem sie von Taxi2000 in allen Bereichen überholt und abgehängt worden war, in einer dermassen aussichtslosen Position, dass man bereit war, jedem Strohhalm eine Chance zu geben - zu verlieren hatte man sowieso nichts mehr. Wir beiden Onkels machten uns also daran, das Zürcher Nightlife von A bis Z zu durchpflügen. Wir erstellten Berechnungstabellen und Fieberkurven, formulierten Kursunterlagen und stellten uns bei den Clubbetreibern vor. Wir sprachen mit hunderten von Taxifahrern, Türstehern, Barleuten und Clubgästen. Alles deutete daraufhin, dass wir gedanklich richtig lagen. Doch wie sollten die ganzen theoretischen Erkenntnisse in die Realität umgesetzt werden ?

Die RaveCab-Standplätze
Bald wurde uns klar, dass es die ganze Sache viel einfacher machen würde, wenn Züritaxi gewisse Plätze exklusiv bedienen könnte. Wir begannen nach Möglichkeiten für temporäre, exklusive Standplätze zu suchen. Kurze Zeit später rief uns Hansi Iberg, ein guter Freund, dem wir unser Problem ebenfalls geschildert hatten, an und teilte uns mit, beim ThaiThai-Club gäbe es eventuell die Möglichkeit, Parkplätze die nur am Tag von den ansässigen Firmen benötigt würden, während der Nacht zu benutzen. Wir trafen uns mit den Betreibern des Clubs und schlossen mit ihnen einen Vertrag über die temporäre Benutzung des Areals als exklusiven Züritaxi-Standplatz ab. Schon nach wenigen Tagen war klar, dass damit der Durchbruch gelungen war. Pro Nacht brachte der eine Club bis zu 60 Fahrten, was sich bei den Fahrern schnell herumsprach. Dies wiederum hatte zur Folge, dass wir plötzlich keine Probleme mehr hatten, den Standplatz durch Fahrzeuge zu besetzen. Jedoch fanden wir schnell heraus, dass er abgesperrt und mit einer Tafel als exklusiver RaveCab-Standplatz gekennzeichnet werden musste, weil sich sonst auch alle anderen Taxis hinstellten. Also kauften wir Ketten, Stangen und Ständer aus Plastik (es durfte nichts kosten) und sperrten ab sofort den Standplatz über die Nacht ab und räumten am folgenden Morgen alles wieder weg. Nun hatten wir unser Konzept gefunden - wenn auch vorerst nur bei einem Club. Als nächstes fragten wir bei all jenen Clubs an, bei denen allenfalls die Möglichkeit bestand, privates Areal temporär zu mieten. Es stellte sich heraus, dass dies auch bei den Clubs Sensor, Downstairs und Luv der Fall war. Wenig später erfuhren wir über Insiderkontakte, dass in ca. 3 Monaten in Altstetten mit dem "Jail" der grösste Dancefloorclub der Schweiz seine Pforten öffnen würde. Dort gab es allerdings keine Möglichkeit, beim Club Parkplätze zu mieten. Nach tagelangen Sondierungen fanden wir die Lösung : Wir fragten beim Management der BP-Tankstelle Letzipark nach, welche sich direkt vor dem zukünftigen Ausgang des Jail befand. Nachdem wir alle Bedenken von BP ausgeräumt hatten, indem wir versprachen durch unsere permanente Präsenz auch Ordnungs- und Sicherheitsfunktionen wahrzunehmen, wurde ein Vorvertrag abgeschlossen. Der Erfolg Mit der Eröffnung des Jail kam der endgültige Durchbruch von RaveCab. Nun war alles anders als zuvor. Die ZT-Flotte war am Wochenende ab 2.00 Uhr praktisch ausgelastet. Bei den Clubs stellten wir am Anfang sogenannte "LiveDisponenten" vor die Türe, welche uns immer dann Mitteilung machten, wenn der letzte Taxi weggefahren war. Da diese Lösung langfristig zu teuer war, gingen wir in einer zweiten Phase dazu über, sie durch "DispoDrivers" (= kooperative Taxifahrer, die gegen die Gewährung gewisser Vorteile den Auftrag hatten, alle RaveCab-Plätze zu überwachen. Gleichzeitig hielten wir reihenweise RC-Kurse, analysierten die Fahrtenzahlen, verschickten Mailings an Taxihalter und Fahrer sowie überwachten das Ganze Teil als fahrende Supervisors auf der Strasse. Dabei leisteten gute Freunde wie Hansi Iberg (der erste und weltweit einzige LiveDispo auf RollerBlades !), Peter Kurth, Peter Vogt, Hans Oeda, Erich Schneebeli, Maurizio Lai und viele andere hervorragende Arbeit. Plötzlich war eine ungeheure Euphorie da und fast alles lief wie am Schnürchen. Die ausgebildeten Fahrer meldeten der Zentrale, wo was zu tun sei, wodurch wir den Aufwand an Arbeitsstunden für LiveDispos rasch vermindern konnten. Bald kamen Abart, Ruby und Labyrinth als exklusive RaveCab -Clubs dazu. Gleichzeitig versuchten wir, in ruhigeren Nächten auch bei Clubs, bei denen eine Exklusivität mangels privatem und mietbarem Areal unmöglich (Kaufleuten, Roxy, Gothic, etc.) war gezielt eine Uebermachtstellung zu bewirken.

Der Flyer
Bald wurde jedoch klar, dass wir den Clubs und Fahrgästen mehr bieten mussten, um ihrer Kooperation sicher zu sein. Von Anfang an hatten wir beschlossen, dass wir uns ausser für die Miete der Standplätze auf keine Zahlungen an die Clubs einlassen wollten, da wir eine absurd überhöhte Preisspirale wie bei den Taxiplätzen vor den Hotels mit allen Mitteln verhindern wollten. Der Trick musste darin bestehen, den Clubs und ihren Gästen etwas anzubieten, wozu die Konkurrenz zumindest kurz- und mittelfristig mangels Kenntnis der Partyszene nicht in der Lage war. Da die ganzen Party-Infos durch Flyers verbreitet wurden, lag der Gedanken nahe, selber einen Flyer zu produzieren, der die Monatsprogramme aller exklusiven RaveCab-Clubs beinhaltete. Dieser Flyer wurde über einen Meter lang und ist heute legendär. Den RaveCab-Flyer haben wir während fast 2 Jahren produziert und an die Fahrer verteilt, welche ihn in den Taxis für die Kunden auflegten. Bald gab es Kunden, die bei ihrer telefonischen Bestellung wegen des Flyers explizit einen RaveCab verlangten...

Im Zenith
Mit diesem RaveCab wurde Züritaxi in der Nacht innerhalb weniger Monate zur klaren Nummer 1 unter den Taxizentralen. Den Höhepunkt erreichte das PilotProjekt in Jahre 1998, als dank RaveCab über 45000 Fahrten ausgeführt werden konnten.

Das Ende
Mit dem Erfolg tauchten allerdings dunkle Gewitterwolken am Horizont auf. Auf der Chefetage fühlte man sich durch unseren gigantischen Erfolg bedroht. Aus Ihrer Sicht waren wir zu mächtig geworden. Also begab man sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe. Zum Beispiel glaubte man, den Aufwand nun auf Null zurück nehmen zu können, da ja alles prächtig lief. Zudem wollten sich die Chefs nur zu gerne selbst mit unserem Erfolg schmücken, was zur Folge hatte, dass sie uns, trotz beängstigender Inkompetenz im Nachtleben permanent besserwisserisch dreinredeten. Das ging soweit, bis Onkel Vince die Nase voll hatte und sich ins Privatleben zurückzog. Onkel Röbi wurde im Herbst 1998 von der neuzugründeten Alpha Taxi-Zentrale mit dem Ziel abgeworben, bei Alpha RaveCab aufzubauen, was ihm auch ein weiters Mal gelang. Die Clubs Labyrinth, Downstairs, Sensor, Dillons und ThaiThai brachte er gleich mit. Doch nach wenigen Monaten verhielt sich die Chefetage von Alpha gleich wie sich vorher diejenige der Züritaxi verhalten hatte (schliesslich handelte es sich um dieselben Personen). Nun hatte auch Onkel Röbi die Nase gestrichen voll und realisiert ebenfalls den definitiven Abgang aus der Taxibranche. Wenige Monate später ist vom einst glanzvollen RaveCab nur noch der Standplatz Labyrinth übrig geblieben. The Rest was blown in the Wind..!

Endlich waren wir Onkels frei. Auf der Suche nach neuen Ufern fanden wir uns schliesslich in unserer eigenen Firma wieder, in Onkel's Company!





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