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Die Strassenphilosophin für Nachtschwärmer
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Bonbons gegen böse Buben: Jacqueline Maresch in ihrem philosophischen Taxi.
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| Jacqueline Maresch fährt eines der speziellsten Taxis der Stadt. Und gibt jedem Fahrgast
eine "Weisheit" mit auf den Weg. Von Emil Bischofberger Treffpunkt ist der Limmatplatz, da wo Jacqueline Maresch mit ihrem "philosophischen Spektakeltaxi" des Nachts regelmässig auf Kundschaft wartet. Es ist einer dieser heissen Tage des Jahres und sie bestimmt deshalb, dass wir "an den Schatten" fahren. Das Ziel wäre damit geklärt, nun gibt es keinen Grund mehr für einen Unterbruch: Jacqueline spricht, referiert, erzählt Anekdoten - ohne Unterbruch. All ihre Einfälle, Einwürfe und Einwände notieren zu wollen: Ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist vielleicht genau der Unterschied zu einer Fahrt im Taxi. Diese ist genau definiert, geht von A nach B. Und bei B steigt man dann auch wieder aus - aus dem Taxi und dem Gespräch. So aber, im Restaurant Grünwald, wo die Stadt alles andere als städtisch ist, sondern nur noch gemütlich und friedlich, weil grün und ruhig, gibt es keinen Endpunkt. Jacqueline geniesst diese uneingeschränkte Aufmerksamkeit ganz offensichtlich. Nicht immer tiefgründig "Ich sehe Nachrichten, eine Serie, eine Telenovela - und plötzlich höre ich irgendeinen Satz und schreibe ihn auf meine Zettelchen", erzählt sie. Das macht so nun keinen Sinn, deshalb die Erklärung: Ihr "philosophisches Spektakeltaxi" heisst so, weil es einerseits vollgepflastert ist mit Lebensweisheiten von mehr oder weniger berühmten Personen, aber auch weil die Fahrerin gerne mit den Nachtgestalten übers Leben spricht, philosophiert. Und drittens und hier kommen wir wieder auf die Sprüchlein, weil jeder Fahrgast zum Abschluss der Taxifahrt jeweils einen Spruch aus dem "philosophischen Znünisäckli" erhält, das auf dem Armaturenbrett angebracht ist. Diese sind mal mehr, mal weniger tiefschürfend. Jener den der Schreibende einst nach einer nächtlichen Fahrt nach Hause erhielt, gehörte eher in letztere Kategorie. "Das grösste Glück ist einfach, dass du morgens gesund aufstehen kannst", soll Hansi Hinterseer einst gesagt haben. Mehr in Erinnerung blieb das lustige Gespräch während der Nachhausefahrt - und das Bonbon. Dieses verteilt Maresch während der Fahrt. Es hilft ihr, auch die übelsten Gäste in den Griff zu kriegen. "Wenn einer aggressiv ist, gebe ich ihm ein Bonbon. Das haben auch die schlimmen Buben gerne. Dann ist sogleich eine gute Welle da. Es ist ein Geben und Nehmen. Wie in einer Partnerschaft, wie in der Wirtschaft und auch bei den Banken!" sagt sie und schafft in zwei Sätzen einen riesigen Themensprung. So geht das während des ganzen zweistündigen Gesprächs. Mittlerweile fährt sie seit 45 Jahren mit ihrem Wagen durch die Stadt, Montag bis Samstag von 24 bis 5 Uhr. "Taxifahren ist mein Traumjob", sagt sie, "manchmal kriegst du was von den Leuten, manchmal gibst du ihnen etwas." Aufhören kommt für die 65-Jährige, die im Quartier Oberstrasss wohnt, nicht in Frage. "Ich sehe kein Ende. Ich hole meine Inspiration aus dem Taxi. Und von der Rente alleine kannst du auch nicht leben." Am Tag zu fahren ist für sie mittlerweile unvorstellbar. "Ach, in der Nacht", seufzt sie. "Morgens um fünf gehts los. Trams, Lastwagen. Es wird laut, hektisch, aggressiv. Da kannst du gar nicht mehr denken. Früher war die Welt morgens um 7 in Ordnung, heute nach 24 Uhr. Dann hat sich die Luft beruhigt, die Leute kommen herunter, sind entspannter." "Du bist meine Glücksfee" Maresch arbeitet auf eigene Rechnung ist keinem der grossen Taxiunternehmen angeschlossen. Das heisst: abgesehen von Stammkunden keine garantierten Aufträge, lange Wartezeiten. "Ich lebe eigentlich nur noch vom Glück", sagt sie. "Ich sammle die Tröpfchen ein." Diese sind mal mehr, mal weniger ergiebig. Wenn "absolut tote Hose" herrscht, geht sie auch schon mal nach zwei Stunden mit 40 Franken Einnahmen wieder nach Hause, in anderen Nächten macht sie locker 200. Entscheidend ist jeweils das Wochenende. vor allem bei den jungen Fahrgästen komm sie dann mit ihrer unkonventionellen Art gut an. "Das isch dänn geil", hört sie des öftern oder "Toll, einmal nicht so ein steriles Taxi". Ein Highlight erlebte sie vor ein paar Wochen am Limmatplatz. Ein junger Mann stieg zu und offenbarte sich ihr. "Dieses Zettelchen, das du mir vor einem Jahr gegeben hast, hat mein ganzes Leben verändert. Du bist meine Glücksfee", habe er gesagt. Als sie diese Geschichte zu Ende erzählt hat, strahlt die Taxi-Philosophin. Übrigens: Ihr Lieblingsspruch hängt im Fond an der Decke, "Ich arbeite daran, ein guter Mensch zu sein. Mein Ziel ist, die beste Version von mir zu werden." lautet er. Welcher Philosoph ihn geäussert hat? Denzel Washington. |